«Blended Learning»: Digitalisierung revolutioniert die Ausbildung

DIGITALISIERUNG In der zweiten Beitragsserie «Digital – from Talk to Walk» spricht Christoph Oggenfuss* mit Exponenten aus Wirtschaft und Forschung über die Umsetzung der digitalen Transformation. Der dritte Gesprächspartner ist Dr. Stefan Michel, Professor für Marketing am IMD in Lausanne.

final-Digital-Talk-Walk--MuK-Nr-3-Okt-2014-Stefan-Michel-IMD-3Stefan Michel, EMBA Program Director, Professor of Marketing and Service Management, IMD Lausanne.

Ich treffe Stefan Michel im Rahmen des IMD CMO-Roundtable, mit ca. 40 Exponenten aus ganz unterschiedlichen Branchen. In seiner Begrüssung nimmt Dominique Turpin, Präsident des IMD, Bezug auf eine Marketing-Konferenz in Japan, von der er eben zurückgekehrt ist. Er erwähnt folgende Schlüsselaussagen:

- In den letzten zehn Jahren ist bei Nestlé der Anteil online verkaufter Produkten in Japan von 10 Prozent auf 30 Prozent gestiegen

- Die digitale Transformation führt zum «Internet of everything» – alles wird vernetzt

- Der Energiemarkt wird sich fundamental verändern – «think local – act global»

- «The CMO is dead» – Agilität erreicht das Marketing!

Gerade das letzte Statement war nicht gerade eine harmonische Einstimmung zum CMO-Roundtable – aber zumindest ein nicht zu überhörender Weckruf.

Drei Ebenen der Digitalisierung
Als erstes frage ich Stefan Michel was Digitalisierung für die renommierte Business School IMD bedeutet. «Ich will auf diese Frage eine allgemeingültige und zentrale Feststellung anbringen» antwortet Michel. Beim Thema Digitalisierung sind im Erachten des Marketing-Professors drei Ebenen zu unterscheiden:

a. Die Digitalisierung der Kommunikation (bei gleichbleibendem Geschäftsmodell und unveränderten Prozessen)

b. Die Digitalisierung von Prozessen bei gleichbleibendem Geschäftsmodell

c. Die Digitalisierung von Geschäftsmodellen

Diese Gliederung ist Professor Michel wichtig, weil ansonsten Dinge miteinander vermengt werden die sich auf fundamental unterschiedlichen Ebenen bewegen. Gleichzeitig fügt er an, dass diese drei Ebenen nicht immer klar abgrenzbar sind und, dass gegenseitige Beeinflussungen gegeben sind.

Das IMD ist aktuell «mit dem Ansatz b. unterwegs», was in den nachfolgenden Ausführungen an konkreten Beispielen veranschaulicht wird.

IMD und Social Media
Beginnen wir aber mit der Digitalisierung der Kommunikation am IMD. Das lässt sich am Einsatz von Social Media veranschaulichen. Michel ist überzeugt, dass sich Social Media beim IMD graduell entwickeln wird, nicht zuletzt weil eine renommierte Institution wie das IMD über den relevanten Content verfügt. Damit können Plattformen wie Xing, Linkedin, Facebook oder Youtube gut bespielt werden. Im Rahmen von MBA-Programmen soll vermehrt Yammer zu Einsatz kommen und für die IMD-Alumnis soll ein dediziertes Portal helfen die Community zu pflegen.

Und was unternimmt nun das IMD konkret im Bereich der Digitalisierung von Prozessen? Kurz nach Lancierung des iPads, vor bereits über vier Jahren, hat sich das IMD entschieden einen bestehenden Kurs auf die iPad-Plattform zu transferieren. Die Kursteilnehmer wurden zu Beginn also nicht mit Papier bombardiert, sondern mit einem iPad ausgerüstet. Damit konnte jeder Teilnehmer mit «pick&choose» sein eigenes Programm zusammenstellen, das entsprechende Lernmaterial abrufen und ein Kontakt-Netz für Chat einrichten. Zum Ende des Kurses steht das relevante Material weiterhin zum Download bereit.

Das mutet heute schon ganz normal an – bei der Lancierung war das jedoch ein mutiger und revolutionärer Schritt für eine tradierte Institution wie das IMD. Für die Teilnehmenden und für das IMD war dieser Digitalisierungs-Schritt mit einem konkreten Nutzen verbunden:

- Individualisierung des Kursangebotes

- Stärkere Vernetzung der Teilnehmenden

- Kleinerer Papierverschleiss

- Zentrale Plattform für die Bereitstellung von Content für verschiedene Ausbildungszwecke

Didaktischer Mehrwert dank «Blended Learning»
Mit dem zweiten Beispiel veranschaulicht Michel den Ansatz des «Blended Learnings» – oder anders ausgedrückt: Online – offsite, offline – onsite.

Der Kurs «Pricing Excellence in tough B to B Markets» läuft nach folgendem Muster ab. Die Teilnehmenden starten im Sinne des e-Learnings mit Leseaufträgen und Video-Sequenzen – anschliessend schreiben und publizieren sie Essays, die von den anderen Teilnehmern eingesehen werden können. Im eingerichteten Forum werden Kommentare zu den Arbeiten abgegeben und ein gegenseitiges Online-Challenging findet statt. Dieser Kurs dauerte im bisherigen konventionellen Format vier Tage am IMD in Lausanne. Im digitalisierten Format läuft das Online-Training über acht Wochen mit weltweit verstreuten Teilnehmenden – der Kursabschluss findet an einem Tag in Lausanne statt.

Für die Teilnehmenden hat Blended Learning einen didaktischen Mehrwert und für die zahlenden Firmen einen positiven ökonomischen Effekt, da nur ein Bruchteil der Zeit weg vom Arbeitsplatz verbracht wird.

Pädagogische Modelle für die Führungskräfte von Morgen
Die dritte Ebene, die Digitalisierung von Geschäftsmodellen, wird von Michel genau beobachtet. Er hat kürzlich selber einen Kurs an der grössten Online-Universität der Welt, der University of Phoenix, abgeschlossen und an MOOC’s teilgenommen («massive open online courses»), um den Wandel der Bildungslandschaft strategisch zu antizipieren.

Am Schluss unseres Gespräches betont Stefan Michel, dass es mit der Digitalisierung am IMD nicht nur darum geht, den Content besser zu nutzen («leveragen») sondern neue pädagogische Modelle für die nächste Generation von Führungskräften zu entwickeln.

Und nochmals zurück zum CMO-Roundtable in Lausanne: Der «Digital CMO» ist gemäss IMD-Präsdident Turpin sicher besser für die Zukunft gewappnet.

Im Rahmen der Digital-Serie in Marketing&Kommunikation von Christoph Oggenfuss (markITing ag) stand die erste Staffel unter dem Titel «Digital – nicht trivial». Die Beiträge gibt es hier.

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