Feiger Empörungsjournalismus

KOLUMNE Ringier-Verwaltungsratspräsident Michael Ringier* über Roger Köppels kontroverse Aussagen zu Hermann Göring und die fehlende Empörung der Schweizer Journalisten.

Roger Köppel ist Inhaber und Chefredakteur des Schweizerischen Wochenmagazins «Weltwoche» und dieses Jahr mit dem besten Resultat aller jemals gewählten Politiker als Vertreter der rechtskonservativen SVP ins Parlament gewählt worden. Neben seiner Bewunderung für Christoph Blocher findet sein Blatt auch freundliche Worte für Viktor Orbans oder Vladimir Putins Politik und Sepp Blatter ist für ihn der Schweizer des Jahres. Seit seinem ersten Editorial dieses Jahres wissen wir aber noch mehr: Er ist auch ein Hermann-Göring-Versteher, einer der schauderhaftesten Figuren des letzten Jahrhunderts.

Einem einzigen Satz, wo von einem kriminellen Staat, Leichenbergen und einem zerbombten Kontinent die Rede ist, stehen mehrere Abschnitte mit durchaus bewundernswerten und freundlichen Adjektiven zur Person Görings gegenüber. Und was ist die Reaktion der Schweizer Journalisten auf diesen Text? Ausser einem Artikel in einer Regionalzeitung und einem Kommentar eines Theaterregisseurs in einer Sonntagszeitung wird kaum eine Zeile darüber verloren.

Und das in der Blütezeit des Empörungsjournalismus. Da wurden doch hunderte von Artikeln in die Tasten gehauen, weil ein jugendlicher Straftäter eine teure Sonderbehandlung inklusive Thaiboxunterricht bekam. Als ein grüner Politiker Nacktbilder von seinem Arbeitsplatz verschickte, empörten sich die Wächter der schweizerischen Demokratie in über tausend Artikel darüber. Und nachdem sich die heutige Nationalratspräsidentin von einem Lobbyisten missbrauchen liess, fegte eine journalistische Sturmböe über die verdiente Parlamentarierin hinweg.

Aber verständnisvolle und nette Worte über einen Nazi? Über den Gründer der Gestapo? Über den Schlächter der Opposition? Über den Mitverantwortlichen für den Bau der ersten KZ’s? Ach, was ist das schon gegen ein Penisfoto eines Parlamentariers oder 30’000.- Franken monatliche Kosten für die Sonderbehandlung eines Straftäters. Und Roger Köppel gibt die Begründung dazu sogar selber in seinem Editorial: «Man darf die Unfähigkeit in der Politik nie unterschätzen.» Dasselbe gilt wohl auch für den Journalismus.

P.S. Als einer unserer Chefredakteure vor wenigen Jahren überaus freundliche Zeilen über einen wahrscheinlichen Kriegsverbrecher geschrieben hat, wurde er umgehend entlassen.

 

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  1. Christian Spörri

    Dass Herr Köppel eine glühender Verehrer des Nazischärgen Göring ist hat mich auch erschreckt. Es wundert mich nicht, dass man Aussagen von Roger Köppel genau prüft. Dieser Mann ist aus meiner Sicht eine Gefähr für die Schweiz.

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  2. Thommen, Peter_66

    Der wirklich gefährliche Feind ist immer “im Inneren” zu suchen! Während dieser alle Wut
    auf “draussen” richtet! ;)

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  3. Kathrin Bänziger

    Die Welt braucht mehr Mutbürger und weniger Wutbürger! Die Zivilcourage des Michael Ringier möge ganz viele Nachahmerinnen und Nachahmer finden. Nicht das Theater um das Theater am Neumarkt sollte uns umtreiben, sondern das Gedankengut des Roger Köppel, das fast schon salonfähig geworden ist.

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  4. Zade

    Erfreulich wenn Persönlichkeiten aus der Mitte der Gesellschaft die Machenschaften Köppels und anderen rechten SVP-Extremisten als das bezeichnen was sie sind: Grundsätzlich inakzeptabel für ein freiheitliches Land.

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  5. Gunnar Jauch

    Solchen Klartext wie den von Michael Rignier hätte man sich eigentlich in der gesamten Schweizer Presselandschaft gewünscht, doch dem war nicht so. Einzig in der AZ fand man solchen. Köppels Goering-Laudatio hätte ihn in Deutschland wohl vor Gericht gebracht. Doch nicht einmal im SPIEGEL, welcher dem Schleimer sogar das Titelblatt widmete, wurde das beschämende Editorial erwähnt…

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  6. Rolf

    Was Michael Ringier hier sagt, ist sehr wichtig. Er distanziert sich von einem Journalismus eines Herrn Köppels, sowie auch von dem rechtsnationalem Gedankengut, dem Köppel nachhechelt. Eine mutige Leistung. Danke Herr, Ringier.

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  7. Ninon de l'Enclos

    Michael Ringier lügt.

    Der Satz «Ausser einem Artikel in einer Regionalzeitung und einem Kommentar eines Theaterregisseurs in einer Sonntagszeitung wird kaum eine Zeile darüber verloren.» entspricht nicht der Wahrheit.

    Die Schweizer Mediendatenbank SMD listet rund 30 Artikel zum Thema “Roger Köppel” und “Göring”, plus zahlreiche Leserbriefe, die entsprechend den Artikeln folgen.

    Mehrere welsche Zeitungen, nahezu alle deutschsprachigen Tages-Zeitungen, alle Sonntagszeitungen berichteten darüber.

    Hätte Michael Ringier recherchiert, müsste er sich nun nicht so blamieren.

    Übrigens: Eine der einzigen Zeitungen, die nicht darüber berichtete, ist der «Blick».

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  8. Claude J. Lerner

    Bravo und danke Herr Ringier! Es ist einfach merkwürdig und auch sehr gefährlich, dass der Rechpopulismus, extremistischer Nationalismus und Neonazismus wieder salonfähig geworden ist. Wo bringt und dieses Phänomen hin?

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  9. Pingback: Die Verleger rächen sich

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